Nachfolge in Familienunternehmen: Herausforderungen & Chancen

Mehr als die Hälfte der Übergaben in Familienunternehmen scheitern. Das ist Beleg dafür, wie komplex, vielgestaltig und zugleich störanfällig der Prozess der „Nachfolge in Familienunternehmen“ von Übergabe und Nachfolge ist.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Perspektive aus Familiensicht und welche Herangehensweisen und Möglichkeiten es gibt sich so dem Thema Übergabe- und Nachfolgeprozess anzunähern.

Herausforderungen der familieninternen Nachfolge

Wie in meinen ersten beiden Beiträgen zu diesem Thema bereits ausführlich beschrieben zeichnen sich Familienunternehmen in allererster Linie durch für Außenstehende nicht zu verstehende Widersprüche, sogenannte Paradoxien, aus. Hierbei handelt es sich um ganz individuelle und besondere Dynamiken des jeweiligen Systems Familienunternehmen.

Im Hinblick auf eine geplante mögliche Nachfolge ist es wichtig zu verstehen, dass der potenzielle Nachfolger vor der Herausforderung steht, seine vorgestellte Autonomie mit der Wahl eines selbst bestimmten eigenen Lebensweges zu verwirklichen und / oder dem Auftrag der Familie und des Familienunternehmens zu folgen.

Mit diesem Spannungsfeld geht ein komplexes Geflecht gegenseitiger Erwartungserwartungen einher. Erwartungserwartungen sind die impliziten, meist nicht bewussten familiären Verpflichtungen und Erwartungen, die sich aus der Form des Zusammenlebens, den Spielregeln ergeben, die Tag für Tag im Umgang miteinander in Familie und Familienunternehmen eingehalten werden. (Molter & Lücke)

Ergänzen möchte ich diesen Punkt anhand meiner eigenen Erfahrungen. Wie in meinem ersten Beitrag „Familienunternehmen – Das macht uns BESONDERS.“ beschrieben bestanden nicht nur Erwartungen von Seiten meiner Mutter an meine neue Rolle im Unternehmen mit dem Eintritt in dieses. Auch die Mitarbeiter und Partner haben, was meine Rolle als Sohn und angestellten Mitarbeiter betrifft, jede Menge unausgesprochener Erwartungen an diese und somit an mich gehabt. Ausgesprochen worden sind diese fast nie direkt. Oftmals habe ich über diese bestehenden Erwartungen nur über Umwege erfahren.

Paradoxe Themen in Familienunternehmen

Stets und ständig sind juristische (Eigentum), ökonomische (Unternehmen) und emotionale (Familien-)Logiken miteinander zu verknüpfen oder auch gegeneinander aufzuwiegen. Sie sehen also, dass Familienunternehmen ein Spannungsfeld mit gewissem Eskalationspotenzial sind.

In der Folge führe ich einige der grundlegenden Paradoxien auf, welche sich beim Thema „Nachfolge in Familienunternehmen“ finden lassen:

  • Familien mit ihren Spielregeln können auf der einen Seite eine schier unfassbare Kraft und somit Ressource für das Unternehmen sein. Und gleichzeitig bieten sich dadurch auch Gefahren. Aus diesem Grund handelt es sich immer um eine Gratwanderung, insbesondere im Rahmen des Nachfolge- & Übergabeprozesses.
  • Die Kommunikation in Familien ist personenbezogen. Unternehmen funktionieren langfristig jedoch nur, wenn die stattfindende Kommunikation schwerpunktmäßig sachbezogen verläuft.
  • Familien versuchen die Grenzen gegenüber Umwelten geschlossen zu halten, die Familienmitglieder verlassen sich eher auf die eigenen Kompetenzen. Das Unternehmen muss, um seine eigenen Chancen zu nutzen, offen sein gegenüber Umwelten, um kooperieren zu können.
  • Familien hängen an Traditionen (Vergangenheitsorientierung). Unternehmen müssen in hohem Maße offen sein für Innovationen, nur das ermöglicht das materielle Überleben.

Nachfolge in Familienunternehmen und die Bedeutung von Konflikten

Konflikte über die Planung und Durchführung der Nachfolge sind oftmals Ausgangspunkt für Veränderungen im Unternehmen. Synchron mit dem ersten Auftreten von Konflikten vollzieht sich Wandel, weil Aspekte, die so lange in der Kommunikation nicht anschlussfähig gewesen sind, nun reproduziert und somit wirksam werden.

Für die Familie besteht die Herausforderung, insbesondere in Krisenzeiten oder während Konflikten, fortlaufend ins gemeinsame Gespräch zu kommen und den gegenseitigen Austausch miteinander aufrecht zu erhalten.

Gleichzeitig dürfen wir das System Unternehmen nicht vergessen. Die größte Herausforderung für die Organisation besteht darin, die dem Menschen unangenehme Instabilität, für sich nutzbar zu machen.

Familienunternehmen: Konflikte als Chance zur Erneuerung

Konflikte haben nicht nur Schattenseiten, sondern auch produktive Funktionen:

  • Verbreitung der Wissensbasis: Es kommen Menschen zusammen, die sich ansonsten gemieden hätten.
  • Verbesserung des Gesamtergebnisses: Es wird gemeinschaftlich in einer interpersonellen Auseinandersetzung eine gemeinsame Lösung gefunden, die wahrscheinlich besser und funktioneller ist als die, die der Einzelne allein gefunden hätte.
  • Nachhaltigkeit der Entscheidungen: Einigungen, die auf dem Wege der Konfliktlösung entstanden sind, sind ein wertvolles Kapital, das in Zukunft nicht mehr leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird.
  • Kontinuierliche Revitalisierung: Konflikte sorgen dafür, dass verhärtete Strukturen aufgebrochen und erneuert werden – sie erfüllen einen evolutionären Zweck: Nur in der Auseinandersetzung zwischen „Verändern“ und „Bewahren“ kann sich eine Organisation an neue Umweltanforderungen anpassen und so ihre Existenz sichern.

Paradoxien bewusst machen und Umgang erlernen

Wie bereits beschrieben sind Konflikte immer ein Indikator für Veränderung. Daher ist es wichtig, dass das Familienunternehmen und damit verbunden beide Systeme Familie und Unternehmen immer wieder neue Konfliktlösemechanismen erarbeiten.

Denn nichts ist schlimmer, als keine Entscheidungen zu treffen oder aber aus Willkür / Beliebigkeit zu handeln. Diese beiden Handlungsmuster sind vielmehr (unreflektierte) Formen der Bewältigung von Paradoxien, die langfristig oft destruktive Wirkung haben. Deshalb ist es wichtig, dass alle Beteiligten eine gewisse Bewusstheit für die jeweils vorherrschende Paradoxie entwickeln und das gemeinsame „Kennenlernen“ bzw. „Erkunden“ dieser im Vordergrund steht.

Erst wenn wir die in unserem System vorherrschenden Interaktionsmuster kennengelernt und verstanden haben, können wir Maßnahmen und Handlungsmöglichkeiten für einen wertschätzenden Umgang mit diesen Paradoxien erarbeiten.

Denn einfach drüber hinweg zu gehen ist auch keine Lösung …

PS: Für diesen Beitrag habe ich mich stark an den Beitrag „Nachfolge in Familienunternehmen“ (Molter & Lücke) aus dem Buch „Familienunternehmen verstehen“ (von Schlippe et al.) orientiert. Ein, übrigens, sehr lesenswertes Buch, egal ob Sie nun Teil eines Familienunternehmen sind, dieses beraten oder auch einfach „nur“ mehr über diese Art von Unternehmensform wissen möchten.

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